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Celan, wieder(ge)holt - zur poetischen Produktivmachung kultureller Tradition in Max Goldts "Tagebuch-Buch" "Wenn man einen weißen Anzug anhat"

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CONTRIBUTORS:
  Author Mergenthaler, Volker (Philipps-Universität Marburg)
PROCEEDINGS TITLE:
  Innovationen und Reproduktionen in Kulturen und Gesellschaften
YEAR: 2006
PUB TYPE: Conference Paper in Proceedings
PAGES: 20 - n/a
SUBJECT(S): None
DISCIPLINE: Literature
HTTP: http://www.inst.at/trans/16Nr/02_1/mergenthaler16.htm
LANGUAGE: German
PUB ID: 103-426-817 (Last edited on 2006/08/21 05:55:09 GMT-6)
SPONSOR(S):
 
ABSTRACT:
Max Goldts "Tagebuch-Buch" "Wenn man einen weißen Anzug anhat" hat es kaum mit Literatur zu tun und noch weniger mit solcher, die mit dem Etikett der ‚literarischen Tradition’ ausgezeichnet zu werden verdient. Und wenn denn einmal nicht mehr ‚nur’ von "Eugenie Marlitt", "Heinz Erhardt" oder "Marc Bolan" die Rede ist, sondern von "Stifter", "Rilke" oder "Paul Celan", dann zumeist, so scheint es, in einem eher ‚läppischen’ Zusammenhang oder mit ironisierendem Gestus, keineswegs aber affirmativ, in literarische Tradition würdigender und weiter tradierender Weise. Es nimmt daher nicht Wunder, dass die wenigen, bisher ausschließlich in den Feuilletons geführten Auseinandersetzungen mit dem Text von Goldt ihr Augenmerk nicht auf das ästhetische Potential literarischer Traditionsaneignung richten, sondern auf das Offensichtliche: Zeitkritik, Sprachwitz u.ä. Im Verborgenen aber, hinter der Fassade Goldtscher Unterhaltsamkeit, macht das "Tagebuch-Buch" Ernst mit den scheinbar eingespeisten Anspielungshorizonten. Folgt man nämlich ungeachtet ihrer scheinbar banalen Situierung den in die kanonisierte Literatur ausgelegten Spuren, so wird eine überaus komplexe und (selbst)reflexive Auseinandersetzung mit der Frage nach der Möglichkeit von poetischer Autorschaft unter den geschichtlichen Bedingungen der ‚Gegenwart’ erkennbar, die aus einer (nur dem Anschein nach) durch das Genre der Tagebuch-Fiktion legitimierten Aneinanderreihung "einzelne[r] Texte" einen poetischen Text generiert und zugleich die literarische Tradition, das kulturelle Erbe aktualisiert.

Der Vortrag stellt in einem Ausblick zur Debatte, ob das Verbergen des Traditionsbezugs hinter der Fassade kritischer Unterhaltsamkeit als Spielart einer möglicherweise zeittypischen Camouflierungsstrategie entziffert werden kann - einer Strategie, die einem doppelten Anspruch zu genügen sucht: Zum einen gilt es, einen Leserkreis anzusprechen, der einen ungebrochenen Bezug auf literarische Traditionen als eher bieder oder wertkonservativ beurteilt, zum anderen geht es darum, auf poetischer ‚Wertschöpfung’ zu beharren.
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